Vienna City Marathon
Wenn man mich fragt, welche Ziele ich mit dem vielen Ausdauertraining verfolge, dann kommt meistens neben anderen, kurzfristigen Zielen dieselbe Antwort: stets in der Lage zu sein, im “Stehgreif” (also ohne spezifische Vorbereitung) einen Marathon oder ähnliches mit Anstand bewältigen zu können.
Das scheint etwas weit hergeholt, und kaum überprüfbar - immerhin muss man sich für die meisten Marathons lange im Voraus anmelden und kann kaum jemals einfach spontan daran teilnehmen. Also musste schon eine ganze Verkettung von Umständen herhalten, die (bei genauer Betrachtung) zumindest bis ins Jahr 2001 zurückreicht. Das Resultat war jedenfalls, dass mich Stefan ‘Pfaffinger’ Pfaffenberger etwa zwei Wochen vor dem Marathon gefragt hat, ob ich nicht bei einer von Merck finanzierten Marathon-Staffel aus dem AKH etwa 10km übernehmen könnte, weil er sich verletzt hat und nicht mitlaufen kann. Natürlich war das kein Problem; 10km kann ich auch aus dem vollen Training heraus in einer halbwegs sinnvollen Zeit laufen.
So richtig interessant wurde die Sache erst, als sich auch die restlichen Mitglieder der Staffel verabschiedeten und wenige Tage vor dem Marathon klar war, dass ich etwas mehr laufen würde als ursprünglich geplant. Optimale Bedingungen also, um meine Prämisse (wir erinnern uns: “ich kann jederzeit einen Marathon laufen”) unter Beweis zu stellen. Ganz konnte ich mich mit dem Gedanken aber noch nicht anfreunden, und legte mir bequeme Exit-Strategien wie “ich lauf mal einen Halbmarathon, dann schau’ ich weiter” oder “wenns mich nimmer freut steig’ ich aus” zurecht. Allerdings mehr als lahme Ausrede falls meine Stehgreif-Gerede ins Wasser fallen sollte und weniger als realistisches Alternative.
Am Vorabend war es dann jedenfalls fix - die Staffel würde mir ganz alleine gehören.
Das erzeugte ungeahnte Fragen: Mit welcher Startnummer laufen? Der des ersten Läufers? des Letzten? Mit welchem Chip?
Würde die Zeitnehmung erkennen, dass ich ich alle Teile der Staffel laufe? Würden die Streckenposten Probleme machen, wenn ich mit der falschen Startnummer bei einem Staffelwechsel vorbeilaufe? Und dann natürlich noch die üblichen Probleme: Wie kalt würde es werden? Wie heiss? Welchen Sonnenschutz, wenn überhaupt?
Schliesslich entschied ich mich dafür, die Startnummer des letzten Läufers zu verwenden… und Chip hatte ich letzten Endes ohnehin nur einen im Startpaket (von den anderen wurde ich schon bei der Abholung befreit). Die Frage, was und wann ich auf der Strecke essen würde, erledigte sich von selbst nachdem ich ohnehin nichts adäquates (=Gel) daheim hatte. Also eben nur was es so bei den Labestationen gibt…
Der Sonntag begann traditionell um 6 Uhr mit einem Stück Baguette mit Butter und einer halben Stunde Chaos (Wo ist meine Lieblings-Laufhose? Warum habe ich drei rechte, aber keine linken Laufsocken in der Lade? was fülle ich in die Trinkflasche für die 20km zum VRVis?); irgendwie schaffte ich es aber dann doch pünktlich um 7 aus dem Haus zu gehen.
Auf direktem Weg sind es ziemlich genau 20km von Mödling bis zum Tech Gate in Kaisermühlen, und trotz bewusst lockerer Fahrweise war ich in knapp 40 Minuten am Ziel. 30km/h Schnitt, da muss ein Rückenwind mitgeholfen haben…
Nachdem ich noch eine gute Stunde bis zum Start hatte, konnte ich mich im VRVis in aller Ruhe umziehen und ca. 15x aufs Klo gehen, viermal meine Laufschuhe aus- und wieder anziehen, nochmal die aktuellste Wetterprognose studieren, und mich einfach langweilen. Dem Versuch noch etwas zu arbeiten konnte ich gerade noch widerstehen.
Irgendwann war es dann schliesslich so weit; 10 Meter von der Ausgangstür des Gebäudes entfernt entschloss ich mich dann aber doch, die Kamera (die ich schräg umgehängt hatte, wie oft bei meinen längeren Läufen) heute nicht mitzunehmen. Also nochmal zurück und die Tasche im Büro deponieren. Aber noch ist alles unter Kontrolle, es sind ja noch 10 Minuten Zeit bis zum Start. Keine Hektik.
Den Weg zum Startblock für Staffelläufer nutzte ich für ein kurzes Einlaufen - mehr ist zu diesem Zeitpunkt ohnehin sinnlos, wenn man anschliessend noch eine Weile herumsteht bis es wirklich losgeht. Kurz darauf wurden die Startblöcke auch schon aufgelöst, worauf sich das Feld schon mal ein gutes Stück zusammenschob. Ein eher kärgliches Signalhorn verkündete schliesslich den Start, auch wenn es noch ein paar Minuten dauerte bis ich etwas davon bemerkte… aber irgendwann setzte sich auch unser Teil des Feldes in Bewegung, und schliesslich überquerte ich sogar die Startlinie.
Jetzt gilt’s!
Nachdem ich recht misstrauisch war, dass die Zeitnehmung meine etwas kreative Auslegung einer Marathon-Staffel richtig verarbeiten würde, hatte ich natürlich meine eigene Stoppuhr dabei… mittlerweile hat sich auch herausgestellt, dass das die richtige Entscheidung war. Meine Strategie war jedenfalls ganz einfach, und hätte auch ohne Pulsuhr funktioniert: auf den ersten paar Kilometern ein halbwegs gemütliches Tempo finden, und dann einfach nicht mehr stehenbleiben bis ich am Heldenplatz bin.
Das hat dann auch ganz gut funktioniert - so ungefähr ein 5:00 Schnitt war problemlos möglich, 4:40 oder darunter wäre vielleicht gegangen aber da hätte ich mich schon sehr bemühen müssen (und dafür war die Motivation zu gering). Also gut, mit 3:30 oder so kann ich mich auch zufrieden geben.
Etwa bei km 7 (glaube ich) ist der Geschäftsleiter von Merck zu mir aufgelaufen, und wir haben uns eine Weile prächtig unterhalten. Das war sehr angenehm, weil wir praktisch gleich schnell waren, und wenn man sich unterhält vergehen die Kilometer einfach viel schneller. Vielleicht auch, weil man sich gegenseitig etwas antreibt und auch tatsächlich schneller läuft. Eigentlich hatte er nur die ersten 16km seiner Staffel übernommen, hat sich aber dann entschieden einen Halbmarathon daraus zu machen. Beim 20er hat er sich dann verabschiedet um auf dem letzten Kilometer noch etwas Druck zu machen (was ich natürlich dankend abgelehnt habe, für mich war’s ja dann noch ein Stück).
Die neue Strecke ist übrigens super - dadurch, dass man zuerst schon ein Stück im Prater läuft ist nachher der Rest viel einfacher; nur 3x über die Untere Donaustrasse (wenn sie so heisst) ist etwas langweilig. Aber egal - vom Halbmarathon weg war ich dann wieder alleine unterwegs und hab’ einfach weitergemacht wie bisher.. bei den Labestationen alle 5km zwei Becher von dem Iso-Zeug (Powerade.. nicht gerade mein Favorit, aber ganz ok) kassieren und gleich wieder weiterlaufen. Essen ist sinnlos, weil die Bananen usw. ohnehin nur im Magen liegen… und bei meiner Geschwindigkeit war ich hauptsächlich im Fettverbrennungs-Modus, also hat die Energie aus den Iso-Getränken durchaus gereicht.
Das hat auch ca. bis zum 35er super funktioniert; da habe ich den einen Becher zu schnell getrunken, worauf sich mein Magen beschwert hat.. nicht tragisch aber so ein leichtes krampfartiges Ziehen - daraufhin hab ich etwas Tempo rausgenommen und bin auch mal kurz auf eine Toilette um zu sehen ob das etwas hilft. War natürlich nicht so, aber es ging dann bald wieder etas besser.
Die letzten 7km sollten zwar eigentlich die schnellsten sein, das war mir aber reichlich wurscht (von meiner Bestzeit war ich ja Lichtjahre entfernt), also bin ich auch die nur locker durchgetrabt. Noch dazu wollte ich meinen Magen nicht unnötig verärgen, das wäre ja noch schöner wenn ich auf dem letzten Kilometer ein Stück gehen müsste! Aber am Ende war ich dann schon sehr versucht noch einen Zielsprint hinzulegen, nur hätte ich damit genau nix erreicht und mich nur noch mehr ruiniert. Also hab’ ich es sein lassen. Einer der seltenen Momente bei denen die Vernunft siegt
Die Endzeit war ca. 3:38, durchaus langsamer als ich gedacht hätte, aber ohne Training noch respektabel. Durchlaufen war problemlos, also passt die Grundkondition - das stimmt mich schon sehr zufrieden. Was für eine bessere Zeit gefehlt hätte war einfach mehr Arbeit an der Geschwindigkeit - dafür hätte ich auch hin und wieder ein Intervalltraining machen müssen, was eben nicht passiert ist.
Anschliessend war ich noch eine Weile im Café Griensteidl,wo ich mich nochmal sehr angenehm mit den anderen Merck-unterstützten Teilnehmern (alles Ärzte) unterhalten habe, Schliesslich habe ich mich aber doch verabschiedet und bin mit der U1 zurück zum Ursprung allen Übels (=Kaisermühlen) gefahren, hab’ mich umgezogen und wieder aufs Rad gesetzt, um die 20km nach Mödling zu rollen.
-fin-
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