stephan mantler

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Chill.

Manchmal könnte man den Eindruck bekommen, auf Österreichs Radwegen wäre der Krieg ausgebrochen. Sonntagsfahrer liefern sich erbarmunslose Sprintgefechte, deutsche Radtouristen versuchen es mit zahlenmässiger Überlegenheit, dazwischen wackeln Familien mit Kindern, bei denen auch die Eltern mit Stützrädern besser bedient wären… und in der Luft liegt eine latente, beinahe spürbare Aggression.

Dazu braucht es keine cyclophoben Autofahrer oder im iPod-Paralleluniversum wandelnden Fussgänger mit unsichtbaren Hundeleinen – wenn einmal der Frühling anbricht geht das auch ganz von alleine. Dann reicht auf den überfüllten Radwegen der kleinste Anlass, um sich gegenseitig die kreativsten Beschimpfungen an den Kopf zu werfen…

Aber auch die anderen Verkehrsteilnehmer kommen nicht ungeschoren davon. Im frühlingshaften Übermut glauben manche, sich im Strassenverkehr über rote Ampeln hinwegsetzen und das Recht auf eine ganze Fahrspur für sich behaupten zu müssen; andere sind zwar physisch mit dem Rad unterwegs, wähnen sich aber MP3-beschallt in einem ganz anderen Universum und nehmen daher höchst unberechenbar am Strassenverkehr teil.

Beides wiederum nervt die Autofahrer, die den plötzlichen Unfug auf den gerade noch so angenehm leeren Strassen nicht so wirklich akzeptieren wollen und ihrerseits (mehr oder weniger buchstäblich) aufs Gas steigen. Und so kommt es, wie es kommen muss: alle sind genervt.

Schuld daran sind aber meiner Meinung eben nicht die bösen, bösen Autofahrer, sondern alle. Am wenigsten vielleicht gerade die meistens als erste verteufelten Rennradfahrer, die sich auf den Strassen aufhalten (denn die wissen meistens ziemlich genau was sie tun und wie sie sich mit den Autos arrangieren). Vielmehr sind es gerade die Gelegenheitsfahrer, die vielleicht ein bisschen genauer überlegen sollten wie sie sich verhalten und wie eine friedliche Koexistenz aussehen könnte. Das fängt damit an, dass man sich auch auf dem Fahrrad nach Möglichkeit an das Rechtsfahrgebot hält und zumindest aufmerksam genug ist, um nicht von entgegenkommenden Radfahrern überrascht zu werden.

Sollten die kognitiven Fähigkeiten selbst dafür nicht ausreichen, sollte man sich vielleicht eine Tandem (mit geeignetem Lenker) überlegen. Oder das Fahrrad gegen Wanderschuhe eintauschen. Auf keinen Fall aber sollte man dann die Schuld auf jene Radfahrer schieben, die auf einer 300m langen Geraden erst 5m vor dem Frontalzusammenstoss bemerkt – und in unmittelbarer Folge wütend beschimpft – werden.

Wobei: der Vielfahrer hat das alles schon tausendmal erlebt, erträgt es mit buddhistischem Gleichmut und einem Lächeln. Denn der nächste Winter kommt bestimmt, und dann gehören die Radwege wieder uns.


One Response to “Chill.”

  1. st4rbucks says:

    … und es sind ja nicht nur die Gelegenheitsradfahrer, die – ganz in Mundl-Manier – wüsteste Wörter und Gesten zur Verteidigung ihres gerade eroberten Territoriums einsetzen (ich bin tatsächlich schon einmal nur knapp einem Hieb mit einer eingerollten Tageszeitung – sicher war’s “Österreich” oder diie “Krone” entgangen). Eine in letzter Zeit besonders penetrant auftretende Spezies sind die “Nordic Skater”, die wild mit ihren Stöcken fuchtelnd und gar nicht auf übrige Verkehrsteilnehmer achtend über zumeist die Donauinsel ächzen. Ach, so manches Mal schon habe ich vor meinem geistigen Auge eines ihrer Stöcker in meinen Speichen und mich durch die Luft Salto Mortale machen sehen. Auf das Kommando “Chill” reagieren sie leider gar nicht – ebenso wenig wie auf “Vorsicht!”, “Links bitte!” oder “Feuer!!” Alles schon probiert. Zum Glück gilt aber auch hier: Spätestens sobald das erste Herbstlaub liegt, sind die Straßen wieder unser.

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